Bloggagement, Freibeiter oder Tinderesting. Ein spekulatives Glossar über unsere Sprache in 2017.

Bloggagement, Freibeiter oder Tinderesting. Ein spekulatives Glossar über unsere Sprache in 2017.

Die Zukunft verkommt zum Buzzwort.

Soweit ist es schon gekommen, wenn Gott und die Welt vor lauter Digitalisierungsparanoia sich in 10 Jahren schon im Endgame gegen Terminator und Robocop sehen.

Relaxed Euch. Alles wird gut. Vielleicht.

Was mich viel mehr interessiert ist unsere Ausdrucksweise. In unserer Sprache verschmelzen soziokulturelle Bewegungen entlang unserem immer stärker von der Technik beeinflussten Lifestyle.

Wie sollen wir uns in der “Zukunft” ausdrücken?

Diese Frage haben sich Helene von Schwichow und Salomon Hörler ebenfalls gestellt und starteten the2017.com als Projekt des Studiengangs Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der UdK Berlin.

2017
Helene von Schwichow und Salomon Hörler. Foto: Aljoša Židan

Dabei sammelten die beiden Studenten Begriffe, die noch nicht existieren, aber könnten, sollten, würden oder müssten. Daraus bildete sich eine Datenbank von über 12 000 Einträgen.

Dass der Ausblick nur ein Jahr in die Zukunft geht ist verständlich:

“Die alte Futurologie hat noch auf den dicken Roman und das komplexe Szenario gesetzt. Kein Wunder, sie gehört ja auch in ein anderes Medienzeitalter. Die Erforschung des Nächsten, wie sie das 2017-Projekt betreibt, hat nicht vom Buch – druck gelernt, sondern von Instantanmedien wie Twitter, Instagram und Snapchat, in denen die Beiträge immer nur kurz erscheinen, weil sie von neuen abgelöst oder sogar gleich ganz aufgelöst werden.”

Daraus entstand das spekulative Glossar, das Ihr unter the2017.com findet.

Vorab meine Favoriten:

Antividuell

Weder Mainstream noch Indie. Weder H&M noch C&A. Auch nicht P&C, Zara oder COS. Einfach anders als die anderen, die immer bloß anders als die anderen sein wollen.

BAMs

Best aging moms Mütter ü48.

Back-to-reality

Von Virtual Reality überwältigt, lautet das neue Erlebnisprogramm: Echtzeit genießen. Eine Rückbesinnung auf das Leben ohne Google Glass und Oculus Rift. Die Augen werden wieder dafür genutzt, Dinge in Echtzeit und ohne Second Screen zu betrachten.

Bloggagement

Macht deinen Blog zu Geld. Der Bloggager garantiert Unterstützung bei der Monetarisierung all deiner Posts.

Cloudlos

Zustand der vollkommenen Entkopplung.

Einländer

Menschen, die ihr Geburtsland noch nie verlassen haben.

Freibeiter

Festangestellt ist deine Mutter.

FaceCash

Facebook führt mit FaceCash einen neuen Weg der Bezahlung ein. Lieblingseis, Biomilch oder Laptop via Smartphone kaufen. Schluss mit nervigem Kleingeld und Kartenzahlung. Facebook wird zu einem noch besseren Freund.

Grundi

Ein Mensch, der bedingungsloses Grundeinkommen bezieht.

H-IP

Das sogenannte Human Internet Protocol steht auf jedem Personalausweis und auf der Geburtsurkunde aller Menschen, die seit dem 01.01.2016 geboren wurden. Die H-IP definiert deine digitale Persönlichkeit und ermöglicht es, die Metadaten der Vorratsdatenspeicherung direkt den richtigen Menschen zuzuordnen.

Instabang

Ja oder Nein? Chatten ist nicht mehr.

Livelife

Alles durch digitale Endgeräte Erfasste und in Echtzeit Gestreamte. Oder eine Lebensform. Dem Digitalen entsagend. Das Analoge präferierend.

LoverBlocker

Die Möglichkeit die/den Ex mit Hilfe einer App aus sämtlichen sozialen Netzwerken verschwinden zu lassen.

Noganer

Bewegung zumeist junger Leute, die davon ausgehen, dass man auch Pflanzen unnötige Schmerzen zufügt, wenn man sie als Essen zubereitet, etwa Korn mahlt, Erdbeeren pflückt oder Kartoffeln aus dem Boden reißt. Noganer verzichten deshalb nicht nur auf tierische, sondern auch auf pflanzliche Produkte jedweder Art.

Open-eyes Socialize

Rückgang der permanenten Smartphone Nutzung im Beisein anderer. Komplimente statt “likes”, Diskussionen statt “comments”, Umarmen statt „swipen“.

Me-You-Balance

Das Individuum steht an erster Stelle. Man muss auf die Me-You-Balance in Beziehungen achten, um noch genug Zeit für sich selbst zu haben.

Realisieren

Der Versuch, sowohl das virtuelle-, als auch das offline-Ich konsistent darzustellen und dabei beide zur Deckung zu bringen.

Schlipster

Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Schlipster nicht von einem gewöhnlichen Anzugträger. Lediglich die Tatsache, dass er statt eines Aktenkoffers immer noch einen Jutebeutel über die Schulter hängen hat, verrät seine Vergangenheit.

Tingles

Jetset- und Yuccie-Singles auf digitaler One-Night-Stand-Jagd. Ihnen geht es um das schnelle Kennenlernen und vor allem um das bzw. den/die Nächste. Der kurze Nervenkitzel beim Offline-Treffen zählt, der Sex wird eher zur Nebensache.

Tinderesting

Man empfindet eine Person als tinderesting, wenn man sich mit ihr zwar eine gemeinsame Nacht vorstellen kann, sie aber zugleich für nicht dialogfähig hält.

VHS

Nach Vinyl feiert jetzt die VHS ihr großes Revival. Denn umständlich ist cool.

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